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Noch ist alles
möglich
Der Pianist Ketil
Bjørnstad schreibt einen Liebesroman über die Musik und ihre
Kinder.
Von Konrad Heidkamp
Am Anfang Musik,
vielleicht Robert Schumann. Die Vindings gehen zum Stausee.
Jeden Sonntag kitten sie ihre Familie mit gemeinsamem Essen, mit
Wein, mit Baden, mit Reden, mit einem Picknick, dem letzten
Versuch, eine Ehe zu retten. Bis es eines Tages geschieht, die
Mutter wieder zu viel trinkt, beim Schwimmen abgetrieben wird,
dem Sog zum Wasserfall nicht mehr entkommt, zu winken scheint
und erst nach Tagen gefunden wird, auf den Steinen
zerschmettert. So verzweifelt, so dramatisch beginnt die
Geschichte eines sechzehnjährigen Jungen, seiner älteren
Schwester und eines Vaters, dem die Liebe seiner Frau verloren
ging. Wäre es ein Film, könnte bereits am Anfang Schlussmusik
einsetzen, zu stumm schreienden Mündern Brahms ertönen.
Der norwegische
Schriftsteller und Jazzpianist Ketil Bjørnstad bewegt sich seit
Jahren durch zwei Welten, schreibend und spielend, und hat mit
Til Musikken,
so der Originaltitel, beides verbunden. Einen Musikerroman mag
man das kaum nennen, obwohl es um einen jungen Pianisten geht,
der in der klassischen Musik lebt; einen Adoleszenzroman ebenso
wenig, obwohl die Spanne zwischen träumerischer Faszination und
handgreiflicher Praxis auf jeder Seite spürbar ist.
Vindings Spiel ist ein Roman, der so musikalisch wie erotisch ist, ständig liest man
in der Angst und Erwartung, dass etwas passieren wird.
»Wir werden immer
für euch da sein, ob ihr wollt oder nicht«, stellt die Mutter
sachlich fest, und so wird die Geschichte zur Suche nach einem
Versteck vor den Hoffnungen der anderen. Nach dem Tod der Mutter
lässt sich Catherine, die achtzehnjährige Schwester, mit einem
Kunstprofessor ein, verschwindet jeden Tag im gelben Haus,
heimlich beobachtet von ihrem Bruder. Der Vater verwaltet seine
Immobilien und treibt langsam in den Ruin, beschwört abends
seine tote Frau, indem er Ravel, Debussy, Bach, ihre
Lieblingsschallplatten auflegt. Aksel, der Sohn, schmeißt das
Gymnasium, verkriecht sich in die Musik, übt jeden Tag sechs
Stunden, um Wettbewerbe zu gewinnen. Jeder sucht nach seinem
eigenen Abgrund, der vorher verdeckt war durch die nervöse
Präsenz der Mutter.
Es sind kurze Sätze,
die Bjørnstad setzt, Wörter als Töne, Akkorde, dann wieder lange
Melodien, die auf einem Wort enden und mit einem neuen Satz
weiterziehen. Es ist die Komposition, die dem Buch seinen
Rhythmus verleiht. Jede Begleitstimme, jedes Nebenthema bleibt
sichtbar, klar und einfach. Kein Verschwinden, kein
Schwadronieren, sondern ein Aufdröseln von Themen, von Melodien,
und davon gibt es viele. Da ist die Gruppe »Junge Pianisten«,
jene Sekte von sehnsüchtigen großen Kindern, die in den späten
sechziger Jahren debütieren wollen: die reiche, perfekte
Rebecca, die zupackende Margarethe, der blasse Ferdinand und vor
allem jene grünäugige, schmale Anja Skoog, die zurückgezogen übt
und die für Aksel zum Inbegriff Fleisch gewordener Musik wird.
Ihr Vater schirmt sie ab, vermittelt den Unterricht durch die
legendenumwobene Konzertpianistin Selma. Die immer dünner
werdende Anja lässt alles mit sich geschehen, nimmt alles
»todernst«, flüchtet in die Krankheit, als überdeutlich wird,
dass ihr Vater sie in jeder Form benützt.
 
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Wer spielt für
wen? Für den Vater, die Mutter, für sich selbst, für die
Geliebte, den Lehrer, für eine Berührung oder einen Blick? Als
Rebecca auf dem Weg zum Flügel über ihr langes Kleid stolpert
und stürzt, ist der Traum zu Ende, der ein Albtraum war. »Als
ich auf dem Boden gelegen habe, war ich glücklich wie ein Kind.«
Die anderen machen weiter, haben mit der schwierigsten aller
Situationen zu kämpfen, »die Erwartungen der anderen zu
enttäuschen«. Die Gruppe zerfällt in die Liebhaber von Musik
(»Wir sind sechzehn Jahre alt. Die Musik denkt für uns. Sie
spricht für uns. Wir sind die Finalisten«) und die Besessenen,
von denen die mephistophelische Selma Lynge sagt: »Nichts ist
anormal, wenn es um klassische Musik geht, mein Lieber. Das ist
eine Arena für Krüppel und Genies.«
Vindings Spiel
könnte ein Künstlerroman sein und liest sich doch wie jedermanns
zweite Heimat, der Abschnitt eines Lebens, in dem alles
gleichzeitig existiert, junge Mädchen und ältere Frauen gleich
begehrenswert sind. Anja ist Phantom und Freundin, die reale
Rebecca wäre Aksels Rettung und bleibt fern, Margarethe ist ihm
fremd, und doch geht er mit ihr ins Bett, vor der Pianistin
Selma mit ihrem Hang zu jungen Männern hat er Angst und wird am
Ende willig ihr Opfer. Es ist alles vorhanden, jeder Irrtum kann
in jedem Moment Glück bedeuten.
Nach dem
enttäuschenden, überladenen Epochenepos
Villa Europa und seinen klarsichtigen Büchern
Erlings Fall
und
Der
Tanz des Lebens
berührt einen Ketil Bjørnstad erneut wie seine frühe Musik. Zum
Greifen und Fühlen nahe.
© DIE ZEIT,
19.10.2006 Nr. 43
Ketil Bjørnstad: Vindings Spiel
Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider; Insel Verlag, 2006;
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